Wachstumskontrolle mit System: LST – Die sanfte Kraft für maximale Erträge

Vorwort: Pflanzentraining – Mehr als nur Wachstum lenken

Willkommen zum ersten Artikel unserer neuen Serie rund um das Thema Pflanzentraining. In den kommenden Wochen werden wir euch systematisch durch verschiedene Techniken führen, mit denen ihr das Wachstum eurer Pflanzen optimieren, die Lichtausbeute steigern und die Erträge maximieren könnt. Heute beginnen wir mit einer besonders sanften, aber äußerst effektiven Methode: Low Stress Training (LST).

Neben LST werden wir in zukünftigen Artikeln folgende Methoden behandeln:

  • High Stress Training (HST): Eine Methode, bei der durch gezielte und oft schmerzhafte Eingriffe (wie z. B. Beschneiden oder Biegen mit Druck) das Wachstum umgeleitet wird, um mehrere Erntepunkte zu schaffen.
  • Hier eine Auswahl an HST Techniken, die wir in dem nächsten Artikel auch ausführlich behandeln werden.
    • Topping: Hierbei wird der Haupttrieb an einer bestimmten Stelle abgeschnitten, um eine buschigere Pflanze mit mehreren Hauptkolas zu erzwingen.
    • Fimming: Eine Abwandlung des Toppings, bei der nur ein Teil des neuen Wachstums entfernt wird, um anstatt einer, mehrere neue Triebe zu erzeugen.
    • Supercropping: Diese Technik zielt darauf ab, die Leitungsbahnen der Pflanze durch vorsichtiges Quetschen zu stimulieren, was zu einem verstärkten Nährstofftransport und erhöhter Widerstandskraft führt.
    • Mainlining: Eine Methode, bei der die Pflanze durch frühzeitiges Topping symmetrisch aufgebaut wird, um eine gleichmäßige Energieverteilung und optimale Belichtung der Haupttriebe zu erzielen.
  • ScroG (Screen of Green): Bei dieser Technik wird ein Netz verwendet, um die Pflanzen so zu positionieren, dass alle Triebe gleichmäßig belichtet werden und somit die Erträge maximiert werden.
  • SOG (Sea of Green): Diese Methode basiert auf dem Prinzip, eine große Anzahl kleiner, schnell blühender Pflanzen zu kultivieren, um in kurzer Zeit eine dichte, gleichmäßige Erntefläche zu erreichen.

Diese Vielfalt an Trainingsmethoden wird in den kommenden Beiträgen jeweils detailliert behandelt. Jeder Ansatz hat eigene Vor- und Nachteile und eignet sich je nach Anbauumgebung und Pflanzenart unterschiedlich gut – von High-Stress-Methoden, bei denen durch drastische Eingriffe das Wachstum neu verteilt wird, bis hin zu sanfteren Methoden wie LST, bei denen die Pflanze nahezu stressfrei gelenkt wird.

Was ist LST (Low Stress Training)?

Low Stress Training (LST) ist eine gezielte Methode zur Wachstumssteuerung von Pflanzen, bei der ohne Verletzungen oder drastische Eingriffe gearbeitet wird. Das Grundprinzip: Statt den Haupttrieb zu kappen oder die Pflanze zu beschneiden, wird sie sanft gebogen und mithilfe von Bindungen in eine flachere, breitere Wuchsform gebracht. Dadurch kann das Licht, insbesondere in Indoor-Grows mit begrenzter Lichtquelle, gleichmäßig über die gesamte Pflanze verteilt werden. Das Resultat: ein buschigeres Wachstum, mehr Blütenansätze (Colas) und ein insgesamt höherer Ertrag.

LST beruht auf zwei biologischen Grundprinzipien:

  1. Apikale Dominanz: Pflanzen wachsen natürlicherweise mit einem dominanten Haupttrieb, der am stärksten nach oben wächst. Durch das Biegen des Haupttriebs wird dieser „Wachstumsbefehl“ unterbrochen – die Pflanze verteilt ihre Energie nun gleichmäßiger auf alle Seitentriebe.
  2. Phototropismus: Pflanzen richten ihr Wachstum nach der Lichtquelle aus. Werden Triebe zur Seite gezogen, reagieren sie, indem sie sich wieder nach oben ausrichten. Das führt dazu, dass alle nach oben gerichteten Triebe als potenzielle Hauptkolas fungieren können.

Ein großer Vorteil von LST ist, dass die Pflanze keine Erholungsphase benötigt. Sie kann ihr Wachstum direkt fortsetzen, da keine Wunden entstehen. Das unterscheidet LST grundlegend von Methoden wie Topping oder Supercropping, bei denen die Pflanze nach dem Eingriff zunächst Energie für Heilung aufwenden muss.

Wo kommt LST zum Einsatz?

LST wird häufig in folgenden Szenarien verwendet:

  • Indoor-Grows: Hier ist der verfügbare Raum begrenzt. LST hilft, die Höhe zu kontrollieren und die horizontale Fläche bestmöglich auszunutzen.
  • Autoflowering Pflanzen: Aufgrund der kurzen Vegetationsphase bleibt keine Zeit für Erholungsprozesse. LST ist hier oft die einzige effektive Trainingsmethode.
  • Diskreter Anbau: Wer Pflanzen auf Balkon oder Terrasse zieht und dabei auf unauffälligen Wuchs achten muss, kann mit LST den vertikalen Zuwachs minimieren.
  • Hydro-Systeme: Auch in hydroponischen Setups lässt sich LST anwenden – ohne Einschränkung, solange die Pflanze stabil befestigt werden kann.

Was sind die Ziele von LST?

  • Mehr gleichmäßig entwickelte Buds: Durch die horizontale Ausrichtung und Belichtung entstehen mehrere Hauptblüten statt nur einer dominanten Cola.
  • Höhere Effizienz bei künstlichem Licht: Besonders bei LED- oder NDL-Beleuchtung profitiert man davon, wenn alle Triebe gleich weit von der Lichtquelle entfernt sind.
  • Kompakte Pflanzenstruktur: Ideal für kleine Growzelte oder bei begrenzter Deckenhöhe.
  • Gesündere Pflanzenentwicklung: Durch den Verzicht auf Schnitte wird das Risiko für Krankheiten, Pilzbefall und Stressreaktionen minimiert.

Wie lange bleibt die Pflanze gebunden?

Die Triebe werden solange fixiert, bis sie von allein ihre gewünschte Wuchsrichtung halten. Das kann einige Tage bis wenige Wochen dauern. Wichtig ist dabei, die Entwicklung stets zu beobachten und die Bindungen rechtzeitig zu lockern oder neu zu positionieren, damit die Triebe nicht eingeschnürt oder beschädigt werden.

LST: Sanft, aber effektiv

Obwohl LST als eine „sanfte“ Technik gilt, sind die Ergebnisse oft überdurchschnittlich effektiv, gerade im Vergleich zum minimalen Risiko. Wer frühzeitig beginnt und die Technik regelmäßig anwendet, kann seine Pflanze gezielt formen, ohne sie unnötigem Stress auszusetzen. Gleichzeitig lassen sich beeindruckende Ertragssteigerungen realisieren – nicht selten 20–40 % mehr als bei untrainierten Pflanzen mit dominanter Hauptcola.

Wie funktioniert LST? – Schritt-für-Schritt-Anleitung für effektives Wachstumstraining

Low Stress Training ist keine einmalige Maßnahme, sondern ein fortlaufender Prozess. Ziel ist es, die Pflanze schrittweise in eine flachere und kontrollierte Wuchsform zu bringen, um möglichst viele gleichmäßig entwickelte Blütenstände zu erzeugen. Hier zeigen wir dir, wie du dabei vorgehst:

LST_004

Schritt 1: Den richtigen Zeitpunkt abwarten

Beginne mit LST, sobald die Pflanze 3–6 Nodien (Verzweigungen) entwickelt hat. In diesem Stadium ist der Haupttrieb noch flexibel genug, um ihn gefahrlos zu biegen. Gleichzeitig ist die Pflanze bereits stabil genug, um die Fixierungen zu verkraften.

Bei Autoflowering Sorten ist Timing besonders wichtig: Da sie schon nach wenigen Wochen automatisch in die Blüte wechseln, sollte man nicht zu lange warten. Beginne idealerweise in der dritten Wachstumswoche.

Schritt 2: Den Haupttrieb sanft zur Seite biegen

Identifiziere den zentralen Haupttrieb und biege ihn vorsichtig zur Seite, idealerweise so, dass er parallel zur Topfkante oder horizontal über dem Substrat verläuft. Dies unterbricht die apikale Dominanz und signalisiert der Pflanze, auch in die Seitentriebe Energie zu investieren.

Wichtig:

  • Arbeite immer mit vorsichtigem Druck.
  • Vermeide ruckartige Bewegungen.
  • Wenn nötig, forme den Trieb vorher mit leichtem Kneten etwas weicher.

Schritt 3: Den gebogenen Trieb fixieren

Verwende nun geeignete Materialien, um den gebogenen Trieb zu befestigen:

  • Gummierte Pflanzendrähte oder sanfte Pflanzenbinder sind ideal.
  • Alternativ: LST-Clips oder selbst gebogene Drahtanker aus weichem Draht.
  • Befestige die Triebe entweder an der Topfseite (z. B. durch ein gebohrtes Loch oder an Stofftöpfen direkt durch das Gewebe) oder mit kleinen Haken im Substrat.

Achte darauf, dass die Bindung die Pflanze nicht einschneidet oder stranguliert. Die Fixierung sollte stabil, aber flexibel genug sein, um Wachstum zu ermöglichen.

Schritt 4: Seitentriebe ins Licht bringen

Nach einigen Tagen beginnen die Seitentriebe vertikal zu wachsen, da sie sich nach der Lichtquelle ausrichten. Sobald sie ausreichend Länge erreicht haben, kannst du diese Triebe ebenfalls leicht zur Seite biegen und fixieren – genau wie den Haupttrieb zuvor.

Ziel ist es, eine ausgeglichene, gleichmäßige Pflanzendecke zu schaffen, bei der alle Triebe auf einer Höhe wachsen und gleich viel Licht bekommen.

Schritt 5: Regelmäßige Kontrolle und Nachjustierung

LST ist ein dynamischer Prozess. Die Pflanze wächst täglich weiter und kann sich dabei aus ihrer ursprünglichen Form „zurückbiegen“. Daher solltest du:

  • Die Fixierungen alle 1–2 Tage kontrollieren.
  • Neue Triebe oder wachsende Seitentriebe entsprechend nachziehen oder neu binden.
  • Bindungen gelegentlich lockern oder versetzen, um Verletzungen zu vermeiden.

Besonders beim Stretch zu Beginn der Blütephase ist regelmäßiges Nachjustieren entscheidend, da das Wachstum hier oft explosionsartig erfolgt.

Schritt 6: Training beenden, wenn das Ziel erreicht ist

Sobald die Pflanze eine flache, gleichmäßige Wuchsstruktur aufgebaut hat und alle Haupttriebe gleichmäßig belichtet werden, kannst du das Training auslaufen lassen. Ab der Blütephase solltest du die Pflanze möglichst wenig stören, um die Energie voll in die Blütenentwicklung fließen zu lassen.

Ein „Nachtrainieren“ während der frühen Blüte ist möglich, sollte aber vorsichtiger und gezielter erfolgen. Spätestens ab Mitte der Blütephase wird kein LST mehr durchgeführt.

LST_001

Bonus-Tipp: Die richtige LST-Strategie für deine Growumgebung

  • In kleinen Growzelten: Haupttrieb flach über den Topfrand führen und spiralförmig um die Mitte legen – so nutzt du den Raum optimal aus.
  • Bei Autoflowers: Früher und sanfter starten, dafür aber konsequent. Verzichte auf aggressives Nachbinden in der Blüte.
  • In Hydro-Systemen: Fixiere an stabilen Punkten des Systems oder verwende Netze, da ein Einstecken im Medium (z. B. Steinwolle) schwierig sein kann.
  • Outdoor: Nutze Pflanzengitter, Zelthäringe oder improvisierte Halterungen – achte aber auf Windbelastung und die Witterung.

Wann ist der richtige Zeitpunkt für LST?

Die optimale Phase für den Einstieg in LST ist das frühe vegetative Stadium. Wird zu spät begonnen, kann der Haupttrieb verholzen sein, was das Biegen erschwert und das Risiko von Brüchen erhöht. Zudem bietet das frühe Stadium genug Zeit für die Pflanze, sich an die veränderte Wachstumsrichtung anzupassen, bevor die Blütephase beginnt.

Welche Vorteile bietet LST?

  • Maximale Lichtausbeute: Durch das horizontale Anordnen der Triebe wird das gesamte Pflanzendach gleichmäßig beleuchtet, was die Photosynthese optimiert.
  • Mehr Blütenstände: Durch die Förderung der Seitentriebe entstehen mehrere gleichwertige Hauptkolas anstelle eines dominanten Haupttriebes.
  • Kompakter Wuchs: Insbesondere in beengten Räumen wie Growboxen oder kleinen Gärten hilft LST, das Höhenwachstum zu kontrollieren und den Raum optimal zu nutzen.
  • Stressfreie Methode: Da bei LST kein drastisches Beschneiden erfolgt, bleibt die Pflanze weniger gestresst und benötigt keine längeren Erholungsphasen.
LST_002

LST bei Autoflowering Sorten: Chancen und Herausforderungen

Autoflowering Pflanzen haben eine kurze vegetative Phase und gehen schnell in die Blüte. Deshalb eignen sich Eingriffe, die eine Erholungsphase verlangen, oft weniger. LST bietet hier den entscheidenden Vorteil: Es handelt sich um eine sanfte Methode, bei der die Pflanze nicht verletzt wird. Dadurch kann das maximale Wachstumspotenzial ohne Verzögerung der Blütephase genutzt werden – ideal für Autos.

LST in Hydro-Systemen: Ein anpassungsfähiger Ansatz

Auch in hydroponischen Systemen lässt sich LST problemlos anwenden. Ob in Deep Water Culture (DWC), Nutrient Film Technique (NFT) oder anderen hydrokulturellen Aufbauten – das Prinzip bleibt gleich. Hier muss lediglich die Fixierung an die Gegebenheiten angepasst werden: Oft erfolgt diese direkt am Netztopf oder mithilfe spezieller Halterungen, die in hydroponischen Setups integriert werden können.

Welches Zubehör benötigt man für LST?

Für eine erfolgreiche Umsetzung von LST ist spezialisiertes Zubehör hilfreich, dabei genügt jedoch meist eine einfache Ausstattung:

  • Pflanzendraht oder biegsamer Gärtnerdraht: Zum schonenden Umleiten der Triebe.
  • Weiche Pflanzenbinder oder gummiummantelte Drähte: Diese verhindern Verletzungen der zarten Pflanzenteile.
  • LST-Clips: Speziell konzipierte Clips, die auch bei kleinen oder empfindlichen Trieben sicheren Halt bieten.
  • Zusätzliche Fixierungshilfen: Bambusstäbe oder kleine Haken können zum Einsatz kommen, wenn weitere Unterstützung benötigt wird.
  • Werkzeuge wie eine Lochzange: Um bei Bedarf Punkte in Plastiktöpfen anzubringen, an denen die Bindungen befestigt werden können.

Stofftöpfe oder Plastiktöpfe – Was ist besser für LST?

Die Wahl des Topfmaterials kann Einfluss auf die Durchführung von LST haben:

Stofftöpfe:

  • Vorteile: Sie lassen sich leicht durchstechen und bieten aufgrund der Luftzirkulation ein hervorragendes Wurzelklima (Air Pruning). Die Bindepunkte können ohne großen Aufwand angebracht werden.
  • Nachteile: Stofftöpfe sind weniger stabil und können sich unter starker Zugkraft verformen.

Plastiktöpfe:

  • Vorteile: Sie bieten eine hohe Stabilität und lassen sich unkompliziert bearbeiten (z. B. durch Bohren von Löchern für die Fixierungen). Die Fixierungspunkte bleiben auch bei intensiver Nutzung stabil.
  • Nachteile: Bei schlechter Drainage können Plastiktöpfe zur Wurzelumwicklung führen, was die Wurzelentwicklung negativ beeinflusst.

Fazit: Für Anfänger oder bei größeren Pflanzen empfiehlt sich oft die Verwendung von Plastiktöpfen, da diese eine stabile Basis bieten. Für diejenigen, die besonderen Wert auf ein optimales Wurzelklima legen und nur moderaten Zug verwenden, können Stofftöpfe eine interessante Alternative sein.

LST_003

Fazit: LST als Fundament erfolgreichen Pflanzentrainings

Low Stress Training ist eine effektive, risikoarme Methode, um das Wachstum gezielt zu steuern und den Ertrag zu maximieren. Durch das sanfte Biegen und Fixieren der Triebe wird eine gleichmäßige Lichtausbeute ermöglicht, was in gesünderen Pflanzen mit mehreren Blütenkronen resultiert. Ob im Zelt, auf dem Balkon, im Topf oder in hydroponischen Systemen – LST ist eine flexible Technik, die sich in vielen Anbauszenarien bewährt.

Besonders bei Autoflowering-Sorten zeigt sich der Vorteil von LST, da diese Pflanzen durch den geringen Eingriff schnell wieder in ihr natürliches Wachstum zurückfinden. Mit dem passenden Zubehör und der richtigen Topfwahl lassen sich bereits kleine Verbesserungen erzielen, die langfristig zu signifikant höheren Erträgen führen.

In den kommenden Artikeln unserer Serie tauchen wir tiefer in die Welt des Pflanzentrainings ein. Nächstes Thema: Topping – Mehr Spitzen für mehr Ertrag. Bleibt dran und informiert euch über die verschiedenen Trainingsmethoden, um das volle Potenzial eurer Pflanzen auszuschöpfen.

Möchtet ihr mehr über die anderen Techniken erfahren oder habt ihr Fragen zu speziellen Anwendungen? Teilt eure Erfahrungen und Fragen in den Kommentaren, und freut euch auf weitere detaillierte Anleitungen und Hintergrundinformationen zu den unterschiedlichen Methoden des Pflanzentrainings.